Alexander Eckardt: Mut zur beruflichen Veränderung

Integrität, Neuanfang, Wirkmächtigkeit

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Es gibt berufliche Entscheidungen, bei denen der nächste Schritt noch nicht feststeht. Genau darüber spricht Anna Papadopoulos in dieser Folge von „Wir schaffen es doch.“ mit Alexander Eckardt. Alexander war Lehrer, arbeitete in der Schulentwicklung und Lehrkräfteausbildung und später auch in der Schulbehörde. Schließlich entschied er sich, sein Beamtentum aufzugeben. Heute arbeitet er selbstständig als Mentor für Wirkmächtigkeit.

Wenn ein Beruf mehr Kraft kostet, als er gibt

Alexander war lange gerne Lehrer. Er wollte mit Menschen arbeiten und Lernen anders gestalten. Ihm war wichtig, dass Schülerinnen und Schüler sich gesehen fühlen und eigene Gedanken einbringen können.

Mit der Zeit merkte er jedoch, dass seine Arbeit immer mehr Kraft kostete.

„Es kostet zu viel Kraft und das Ergebnis ist zu gering.“

Diese Erkenntnis kam nicht plötzlich: Alexander erzählt, dass seine Frau ihn immer wieder darauf aufmerksam machte, wie schwer das klang, was er von seiner Arbeit berichtete.

Er selbst ließ diesen Gedanken zunächst kaum an sich heran. Erst als er innehielt, bemerkte er deutlicher, dass etwas nicht mehr passte. Die Freude an seiner Arbeit war immer mehr einer Anstrengung gewichen.

Dieses Innehalten zieht sich durch seine weitere Geschichte.

Alexander hatte sich bereits vorher auf unterschiedliche Weise mit sich selbst beschäftigt. Er berichtet von Psychotherapie und einer Ausbildung zum Hypnotherapeuten. Er war im Kloster und beschäftigte sich später mit einem schamanischen Weg.

Dabei suchte er immer wieder nach dem, was er als innere Stimmigkeit beschreibt.

„Ich will nicht mehr in einer inneren Spannung verharren“

Alexander blieb nicht beim Nachdenken über seine eigene Situation. Er versuchte lange, innerhalb des Bildungssystems Veränderungen anzustoßen.

Ab 2022 arbeitete er noch zwei Tage pro Woche an einer Schule. Dort beschäftigte er sich unter anderem mit Schulentwicklung. Drei weitere Tage war er in der Schulbehörde tätig und für Fortbildung und Weiterentwicklung zuständig.

Gerade dort erlebte er Grenzen: Er erzählt im Gespräch von einem Veranstaltungsformat für Schulleitungen, das offener gestaltet werden sollte. Statt einer Abfolge von Vorträgen und Workshops sollte mehr Raum für Austausch entstehen. Geplant waren unter anderem Barcamp-Sessions.

Alexander erlebte, wie groß die Vorbehalte gegen diese Offenheit waren. Für ihn wurde damit eine grundsätzliche Frage immer wichtiger: Wie lange kann ich innerhalb eines Systems arbeiten, wenn das, was ich für sinnvoll halte, dort kaum möglich ist?

„Ich will nicht mehr in einer inneren Spannung verharren, weil es mir nicht gut tut.“

Alexander beschreibt diese Spannung als einen entscheidenden Grund für seinen Ausstieg. Rückblickend sagt er, dass er als Fachlehrer und Klassenlehrer im Klassenzimmer teilweise mehr Freiheit erlebt habe als bei seiner späteren Arbeit mit höheren Ebenen des Bildungssystems.

Gehen, obwohl der nächste Schritt noch offen ist

Die Entscheidung zu gehen bedeutete für Alexander auch, Sicherheiten aufzugeben. Als Beamter verlor er mit seiner Entlassung unter anderem seinen Anspruch auf Pension. Auch seine bisherige Absicherung bei der Krankenversicherung veränderte sich. Einen Anspruch auf Arbeitslosengeld hatte er ebenfalls nicht.

Alexander wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie sein beruflicher Weg danach konkret aussehen würde. Deshalb bereitete er seinen Ausstieg vor. Er beschäftigte sich mit seinen Rücklagen und seinen laufenden Kosten. Er prüfte Möglichkeiten für andere Einnahmen. Auch die Frage nach einem sozialversicherungspflichtigen Job spielte eine Rolle.

Die Unsicherheit verschwand dadurch nicht. Hinzu kamen Reaktionen aus seinem Umfeld. Vor allem innerhalb seiner Familie stieß seine Entscheidung auch auf Zweifel.

Alexander beschreibt, dass dabei frühere Beziehungsmuster sichtbar wurden. Er wollte die Sorgen seiner Eltern hören und gleichzeitig die Verantwortung für seine Entscheidung bei sich behalten.

„Ihr müsst mich nicht verstehen, darum geht es mir nicht.“

Für ihn wurde daraus eine neue Form des Umgangs miteinander.

Seine Position blieb klar:

„Ich spüre in mir, dass das der richtige Schritt ist und deswegen gehe ich.“

Wenn Loslassen ganz konkret wird

Im April verschickte Alexander schließlich die E-Mail, in der er seinen Ausstieg zum 31. Juli ankündigte. Er erinnert sich genau an diesen Moment.

„Die Mail war geschrieben und ich gucke auf diesen Bildschirm und ich weiß, wenn ich es jetzt sende.“

Für ihn fühlte sich das Abschicken wie das Überschreiten einer Schwelle an. Danach begann ein bewusster Abschied. Alexander hatte Regalmeter an Unterrichtsvorbereitungen und Literatur gesammelt. Vieles gab er an Kolleginnen und Kollegen weiter. Andere fragten ihn, ob er die Materialien nicht behalten wolle. Schließlich könnte er sie später noch einmal brauchen. Seine Antwort war klar: Er wollte kein Lehrer mehr sein.

„Ich habe nur gemerkt, ich brauche es nicht mehr. Ich lasse das los.“

Kurz nach seinem letzten Arbeitstag zog Alexander außerdem von Leipzig zu seiner Frau nach Stuttgart. Damit verschwanden mehrere vertraute Bezugspunkte gleichzeitig.

Die Zeit danach beschreibt er keineswegs als einfachen Aufbruch. Im Urlaub mit seiner Frau ging es ihm zeitweise sehr schlecht. Ohne Beruf und gewohntes Umfeld kamen bei ihm auch Gefühle von Scham und Minderwertigkeit auf. Alexander erzählt davon, weil diese Phase für ihn zum Übergang gehörte.

Später verbrannte er gemeinsam mit einem Freund persönliche Dinge, die er weder weitergeben noch wegwerfen wollte. Einen kleinen Teil der Asche bewahrte er auf. Für ihn markierte das einen Abschluss.

Vom Bildungssystem zur Wirkmächtigkeit

Nach seinem Ausstieg begann Alexander zunächst zu bloggen. Er schrieb darüber, warum er das Bildungssystem verlassen hatte. Er beschäftigte sich mit Transformation und später intensiv mit Scham.

Dabei stellte er fest, dass er mit seinen Themen im Bildungsbereich erneut an Grenzen kam. Er wollte sich stärker mit den Bedingungen beschäftigen, die unter sichtbarem Verhalten liegen. Gerade beim Thema Scham interessierte ihn, wie Gefühle das Verhalten von Menschen beeinflussen können, ohne unmittelbar erkennbar zu sein.

In dieser Zeit beschäftigte er sich auch mit dem Sozialwissenschaftler Stefan Marks und dessen Buch „Scham - die tabuisierte Emotion“. Er berichtet von einem persönlichen Kontakt und einem Workshop.

Alexander suchte anschließend selbst Unterstützung für seine berufliche Neuorientierung. Mit einer Mentorin arbeitete er an seiner Marke und an der Frage, wofür er künftig stehen möchte. In diesem Prozess entstand die Bezeichnung „Mentor für Wirkmächtigkeit“.

Alexander grenzt Wirkmächtigkeit im Gespräch von Wirksamkeit ab. Bei Wirksamkeit fragt er danach, ob etwas funktioniert hat. Bei Wirkmächtigkeit interessiert ihn eine andere Frage:

„Was will durch dich eigentlich in die Welt kommen?“

Heute möchte er mit Menschen auf wirtschaftlicher Führungsebene arbeiten, die merken, dass sie zwar noch funktionieren, aber nicht mehr so gestalten können, wie sie es möchten. Dabei will er Räume schaffen, in denen Unsicherheit zunächst ausgesprochen werden kann, ohne sofort eine Lösung liefern zu müssen.

Auch sein eigener Weg ist zum Zeitpunkt unseres Gesprächs noch offen. Alexander weiß noch nicht, ob seine Selbstständigkeit wirtschaftlich tragen wird. Er kann sich vorstellen, zunächst einen Nebenjob anzunehmen, falls das notwendig wird.

Seine Entscheidung bereut er deshalb nicht. Er beschreibt vielmehr einen Weg, auf dem er weiter prüft, was für ihn stimmig ist.

3 Takeaways aus dieser Folge

1. Eine Veränderung muss nicht mit einem fertigen Plan beginnen.Alexander hat seinen Ausstieg vorbereitet und finanzielle Fragen geklärt. Wohin ihn die Entscheidung beruflich führen würde, wusste er trotzdem noch nicht.

2. Angst lässt sich prüfen.Alexander beschreibt viele Gedanken vor seinem Ausstieg als Geschichten, die er irgendwann genauer betrachtet hat. Dabei stellte er fest, dass nicht jede Befürchtung so groß blieb, wenn er sich mit ihr beschäftigte.

3. Das Umfeld kann eine wichtige Rolle spielen.Seine Frau, Freunde und weitere Wegbegleiter hielten Alexander immer wieder einen Spiegel vor. Gleichzeitig musste er lernen, seine Entscheidung auch dann zu vertreten, wenn andere Menschen Zweifel hatten.

Ein Satz, der bleibt

„Ich kann nur, indem ich hinkomme, rausfinden, wie es ist. Ich kann es mir nicht vorher ausdenken.“

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Kapitel der Folge

00:00 Intro: Vom Lehrer zum Mentor für Wirkmächtigkeit

02:56 Warum Alexander Lehrer wurde

06:24 Wenn der Beruf immer mehr Kraft kostet

07:27 Woran merke ich, dass etwas nicht mehr passt?

09:18 Die Suche nach innerer Stimmigkeit

13:54 Wie aus Reflexion Veränderung wird

20:30 Wenn Veränderung an Systemgrenzen stößt

22:54 Warum Organisationen Veränderung vermeiden

27:27 Angst vor dem beruflichen Neuanfang

31:54 Beamtentum aufgeben ohne Plan B

34:25 Wenn die Familie an der Entscheidung zweifelt

39:32 Der Moment der Kündigung

40:26 Den alten Beruf wirklich loslassen

45:24 Scham, Transformation und berufliche Neuorientierung

47:34 John Hattie und das Bildungssystem

50:40 Vom Bildungssystem in die Selbstständigkeit

51:03 Wie Alexander seine neue berufliche Rolle fand

54:54 Was bedeutet Wirkmächtigkeit?

57:21 Was Veränderung in Organisationen braucht

01:00:02 Wie fühlt sich die Entscheidung heute an?

01:01:55 Selbstständigkeit und finanzielle Unsicherheit

01:03:14 Wir schaffen es doch, weil ...

Mehr über Alexander Eckardt

Empfohlene Themen & Referenzen aus dem Gespräch

Stefan Marks: „Scham - die tabuisierte Emotion“ - Alexander beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Scham und berichtet auch von einem persönlichen Austausch und einem Workshop mit dem Sozialwissenschaftler.

John Hattie - Der neuseeländische Bildungsforscher wird im Zusammenhang mit seinen Metastudien zur Wirksamkeit von Schule und der Bedeutung von Beziehungen für das Lernen genannt. Alexander berichtet von einem persönlichen Austausch mit ihm.

Jim Knopf und der Scheinriese - Alexander nutzt das Bild des Scheinriesen für seine Erfahrung mit Angst: Je näher er ihr kam, desto kleiner erschien sie ihm.

Barcamp - Das offene Veranstaltungsformat wird im Gespräch als Beispiel dafür genannt, wie Austausch und weniger planbare Prozesse in Organisationen gestaltet werden können.

RoundSpeak - Alexander verwendet diesen Begriff für einen Gesprächskreis, in dem Menschen einander zunächst zuhören und unterschiedliche Sichtweisen Raum bekommen.

Reflexionsimpuls

Wo hältst du gerade an etwas fest, obwohl du schon länger spürst, dass es nicht mehr zu dir passt?

Welche Antwort versuchst du im Voraus zu finden, obwohl du sie womöglich erst bekommen kannst, wenn du einen Schritt gehst?

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