Christian Wehner: Karriere ohne geraden Weg

Karrierewege, Kreativität, Scham, Vertrauen

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In dieser Folge von „Wir schaffen es doch.“ spricht Anna Papadopoulos mit Christian Wehner. Christian ist Senior Director Innovation Strategy bei SAP, Autor, Gastdozent und Keynote Speaker. Seine berufliche Geschichte begann mit einer Schulzeit, die ohne Hauptschulabschluss endete. Später führte ihn sein Weg über eine Ausbildung, das Radio, Red Bull und ein Tech-Start-up zu SAP. Das Gespräch dreht sich um die Frage, was möglich wird, wenn der eigene Weg nicht den üblichen Vorstellungen von beruflicher Entwicklung entspricht.

Ein Weg, der auf dem Papier anders aussah

Christian wurde in Zerbst in Sachsen-Anhalt geboren und zog als kleines Kind mit seiner Familie in die Oberpfalz.

In der Schule fand er kaum seinen Platz. In seinen Zeugnissen standen schon früh Hinweise auf wenig Konzentrationsfähigkeit und fehlende Zielstrebigkeit.

Den qualifizierenden Hauptschulabschluss versuchte er zweimal. Beide Versuche scheiterten. Christian verließ die Schule schließlich ohne Hauptschulabschluss.

Mit 16 kam ein weiterer Einschnitt. Er wurde mit Cannabis erwischt und musste Sozialstunden in einer Therme leisten. Diese Erfahrung beschreibt er als wichtige Weichenstellung.

Danach wandte er sich an eine Organisation für Jugendliche, die schwer in den Arbeitsmarkt zu vermitteln waren. Über sie bekam er ein Langzeitpraktikum bei OBI.

Dort veränderte sich auch sein Verhältnis zum Lernen.

Christian wusste plötzlich, wofür er lernte. Er schloss seine Lehrjahre mit einem Einser-Schnitt ab. Während seiner Ausbildung übernahm er Verantwortung für eine Abteilung.

Später folgten das Radio, Red Bull und ein Tech-Start-up. Schließlich kam er zu SAP.

„Ich glaube, viele verkennen ihre Stärke und limitieren sich dadurch sehr.“

Christian beschreibt seinen Weg nicht als Ergebnis eines langfristigen Karriereplans. Viele Möglichkeiten entstanden in Situationen, die vorher nicht vorgesehen waren.

Genau deshalb steht er festen Zielen zum Teil kritisch gegenüber. Ein sehr eng gesetztes Ziel kann aus seiner Sicht dazu führen, dass andere Möglichkeiten kaum noch wahrgenommen werden.

Erfahrung kann helfen. Sie kann auch Grenzen setzen.

Eine Haltung zieht sich durch viele Geschichten, die Christian erzählt.

„Ich finde, Naivität ist keinesfalls eine Schwäche. Es ist eher die Kunst, seine eigene Erfahrung nicht als Barriere zu sehen.“

Er verbindet diesen Gedanken mit dem Begriff Shoshin, dem „Beginner's Mind“.

Für Christian bedeutet Naivität, einer neuen Situation zunächst offen zu begegnen. Die eigene Erfahrung muss nicht sofort festlegen, welche Idee funktionieren kann.

Das zeigt sich auch in seinem beruflichen Weg.

Als er zu SAP kam, hätte er sich nach seiner Schilderung über den klassischen Bewerbungsweg damals nicht bewerben können. Im Bewerbungsprozess wurde zu dieser Zeit eine Universität abgefragt.

Sein Zugang entstand über Menschen, die mit ihm arbeiten wollten.

Christian spricht in diesem Zusammenhang auch von „Unlearning“. Gemeint ist die Bereitschaft, einen bekannten Weg zu hinterfragen, wenn die Situation einen anderen verlangt.

Diese Haltung verbindet er mit einer Erfahrung aus seiner Kindheit.

Als kleiner Junge mischte er aus verschiedenen Dingen ein vermeintliches Haarwuchsmittel für seinen Großvater. Seine Großeltern erklärten ihm nicht sofort, warum die Idee wenig Aussicht auf Erfolg hatte. Sie spielten mit und ließen ihn seine Entdeckung weiterdenken.

Daraus leitet Christian einen Satz ab, der ihn bis heute begleitet:

„Und ich probiere immer, das Ja und zu finden und nicht das Ja aber.“

Was Erwachsene von ihrer Kindheit wiederfinden können

Heute beschäftigt Christian sich beruflich mit Innovation und neuen Fähigkeiten in der Arbeitswelt.

Dabei kommt er immer wieder auf Fähigkeiten zurück, die Kinder selbstverständlich einsetzen.

Sie probieren Dinge aus. Sie finden unterschiedliche Verwendungen für Gegenstände. Sie folgen einer Idee zunächst weiter, bevor sie nach der vorgesehenen Lösung suchen.

Christian spricht dabei über divergentes Denken - also viele Optionen zu sehen.

Er verweist im Gespräch auf den George Land Creativity Test. Den Test bezeichnet er selbst als umstritten, weil er nicht vollständig öffentlich zugänglich sei.

Eine der von ihm beschriebenen Aufgaben dreht sich um eine Gabel. Die Aufgabe besteht darin, möglichst viele Dinge zu finden, die man mit ihr machen kann, außer zu essen.

Kinder finden dafür nach Christians Beschreibung schnell viele Antworten.

Er zitiertt dann George Land: „Das divergente Denken bei uns Erwachsenen, das ist nicht weg.“

Auch in seiner Arbeit mit Unternehmen versucht Christian, wieder mehr Raum für dieses freie Denken zu schaffen.

Dazu gehört für ihn auch, die Vorstellung von linearen Karrierewegen infrage zu stellen.

Im Gespräch verweist er auf den LinkedIn-Podcast „The Path“. Dort sei beschrieben worden, wie schwer es trotz großer Datenmengen sei, einen allgemeingültigen nächsten Schritt für eine Karriere vorherzusagen.

Christian fasst seine Sicht darauf klar zusammen:

„Es gibt keinen Karriereweg mehr, der linear ist.“

Er verbindet diesen Gedanken mit einer weiteren Beobachtung. Menschen lösen Probleme häufig, indem sie etwas hinzufügen.

Als Beispiel beschreibt er eine Untersuchung mit einer Lego-Brücke. Eine Seite der Brücke hat vier Steine. Die andere Seite hat drei.

Viele Versuchspersonen hätten einen Stein hinzugefügt. Die einfachere Lösung wäre gewesen, einen Stein wegzunehmen.

Für Christian steckt darin eine größere Frage: Warum verbinden wir Entwicklung so oft mit Zugabe?

Wenn Scham den eigenen Weg begleitet

Der fehlende Schulabschluss war lange ein Teil seiner Geschichte, über den Christian beruflich kaum sprach.

Er erzählt von einer Begegnung aus seiner Zeit bei Red Bull.

Bei einem Geschäftstermin wurde er nach einem teuren Skigebiet gefragt. Christian kannte den Ort nicht. Trotzdem gab er vor, ihn zu kennen.

Auf der Rückfahrt beschäftigte ihn sein Verhalten.

Er hätte neugierig nachfragen können. Stattdessen wollte er in diesem Moment gefallen.

Die Situation brachte ihn dazu, anders über seine Vergangenheit nachzudenken.

Später war Christian zu Gast im 48 Forward Podcast. Eigentlich sollte es dort um das Start-up gehen, für das er damals arbeitete.

Er entschied sich, erstmals öffentlich über seinen fehlenden Schulabschluss zu sprechen.

„Das war so befreiend, das rauszulassen.“

Heute ist diese Geschichte auch Teil seiner Arbeit als Vortragsredner.

Das Gespräch führt von dort zu einer größeren Frage nach den Rollen, die Menschen im Beruf einnehmen.

Christian berichtet von Gesprächen mit Menschen aus unterschiedlichen beruflichen Positionen. Seine Beobachtung ist, dass Unsicherheit und der Wunsch, eine bestimmte Rolle aufrechtzuerhalten, nicht an eine Hierarchiestufe gebunden sind.

„Man denkt ja oft, es geht jetzt nur mir so.“

Am Ende führt ihn das zur Frage nach Identität.

„Wer bin ich ohne Maske? Was ist wirklich mein Kern?“

Für Christian lohnt sich dabei auch der Blick zurück auf Fähigkeiten aus der Kindheit. Es geht ihm nicht darum, Kindheit zu idealisieren. Er interessiert sich für Fähigkeiten, die früh vorhanden waren und später weniger selbstverständlich eingesetzt werden.

3 Takeaways aus dieser Folge

1. Ein Lebenslauf zeigt nicht alle Fähigkeiten eines Menschen.
Christians schulischer Weg und seine spätere berufliche Entwicklung passen nicht in eine einfache Linie. Mehrere entscheidende Möglichkeiten entstanden, weil Menschen ihm etwas zutrauten.

2. Erfahrung muss nicht jede neue Idee sofort begrenzen.
Christian beschreibt Naivität als einen offenen ersten Schritt. Sein „Ja und“ steht dafür, einer Idee zunächst Raum zu geben.

3. Scham kann auch erfolgreiche Lebensphasen begleiten.
Christian sprach lange nicht über seinen fehlenden Schulabschluss. Die Entscheidung, diesen Teil seiner Geschichte öffentlich zu erzählen, veränderte seinen Umgang damit.

Ein Satz, der bleibt

„Ich glaube, viele verkennen ihre Stärke und limitieren sich dadurch sehr.“



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Kapitel der Folge

00:00 Intro

02:30 Kindheit zwischen Sachsen-Anhalt und der Oberpfalz

04:42 Schule ohne Hauptschulabschluss

06:39 Herkunft, Zugehörigkeit und Ostdeutschland

12:56 Lernen außerhalb der Schule

17:08 Können Ziele unsere Möglichkeiten begrenzen?

18:23 Der Wendepunkt mit 16 Jahren

19:44 Ausbildung bei OBI und ein neuer Zugang zum Lernen

25:41 Warum Naivität eine Stärke sein kann

29:08 Karrierewege, die nicht geplant waren

36:56 Vertrauen, Neugier und der Einfluss der Großeltern

43:12 Kreativität und Innovation im Berufsleben

45:12 Warum Karrierewege kaum linear verlaufen

46:28 Warum wir lieber hinzufügen als wegnehmen

47:43 Divergentes Denken und Kreativität im Erwachsenenalter

51:37 Arbeiten und Innovation bei SAP

54:44 Vertrauen in die Fähigkeiten von Kindern

56:45 Scham über den fehlenden Schulabschluss

01:00:14 Die eigene Geschichte öffentlich erzählen

01:02:20 Berufliche Rollen und die Masken, die wir tragen

01:03:54 Wer bin ich ohne meine Rolle?

01:05:30 Wir schaffen es doch, weil ...

01:05:44 Outro

Mehr über Christian Wehner

Empfohlene Themen & Referenzen aus dem Gespräch

Oscar Wilde - Christian greift ein ihm zugeschriebenes Zitat auf, um über feste Ziele und Möglichkeiten am Wegesrand zu sprechen.

Shoshin / Beginner's Mind - ein Begriff, den Christian als anderen Blick auf Naivität und Offenheit für neue Erfahrungen verwendet.

George Land Creativity Test - ein von Christian genanntes Beispiel zum divergenten Denken und zur Entwicklung von Kreativität vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter: https://www.youtube.com/watch?v=ZfKMq-rYtnc

Margret Rasfeld und Gerald Hüther - nennt Christian als Personen, die sich seit längerem mit Veränderungen im Bildungsbereich beschäftigen.

LinkedIn - Christian verweist auf eine Aussage aus dem LinkedIn-Podcast “The Path” zur Schwierigkeit, aus großen Datenmengen einen linearen Karriereweg abzuleiten.

Superfest-Gläser - das frühere DDR-Gastronomieglas dient im Gespräch als Ausgangspunkt für Christians Blick auf ostdeutsche Geschichte und wirtschaftliche Umbrüche.

Gezeiten Haus Kliniken - Christian erwähnt sie im Zusammenhang mit einem gemeinsam entwickelten Retreat und Gesprächen über Rollen, Identität und Masken.

Reflexionsimpuls

Welche Vorstellung davon, wie ein beruflicher Weg aussehen sollte, beeinflusst deine Entscheidungen heute?

Welchen Teil deiner eigenen Geschichte bewertest du möglicherweise anders, wenn du weniger auf Abschlüsse und vorgesehene Stationen schaust?

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